Fußballer in Käfighaltung – eine Verschwörungstheorie

Es war einmal im beschaulichen Stadtteil Blumenthal der Freien Hansestadt Bremen, da lebten zwei Menschen in einer Wohnung. Der eine war der Ortsamtsleiter von Blumenthal, nennen wir ihn im weiteren Verlauf der Geschichte „Herr Olpenow“, der andere war der Vorsitzende der Bürgerstiftung Blumenthal, der im weiteren Verlauf unserer Geschichte als „Herr Vorbue-Blupenow“ auftauchen wird. Selbstredend hießen diese beiden Menschen nicht wirklich so. Aber schließlich gibt es ja auch noch so etwas wie ein Recht auf Privatsphäre in diesem unserem Lande, und daher behelfen wir uns hier mit den Pseudonymen. Außerdem ist es ja nur eine fiktive Geschichte.

Während das Zusammenleben der beiden Personen in ein und derselben Wohnung sicher nichts Ungewöhnliches war, so soll doch nicht unerwähnt bleiben, dass das Verhältnis der beiden doch eine gewisse Besonderheit aufwies: Beide wussten absolut nichts über die Aktivitäten des jeweils anderen außerhalb der gemeinsamen Wohnung.

Eines Tages beschlich Herrn Vorbue-Blupenow die Idee, dass die von ihm vorgesessene Bürgerstiftung doch etwas für die Blumenthaler Jugend tun könnte. Tolle Idee, werden Sie sagen, und damit sind Sie nicht allein. Tolle Idee, in der Tat. Was für die Jugend tun ist schließlich immer toll.

Die Frage war: Was genau sollte man für die Jugend tun? Nach langem Grübeln durchfuhr es Herrn Vorbue-Blupenow beim Sonntagsspaziergang plötzlich wie der sprichwörtliche Blitz: Da mussten die armen Jugendlichen beim Bolzen statt regulärer Tore doch Jacken und andere Utensilien als Torbegrenzungen nutzen. Und das führte ständig zu unerfreulichen Auseinandersetzungen – war dat nu Tor oder war dat nu kein Tor? Weiterhin verhinderte der ackrige Untergrund jegliches gepflegte Kurzpassspiel, und waren wir nicht dank ebendiesem grad Weltmeister geworden? Und schließlich bestand doch immer die Gefahr, dass Unbeteiligte den Ball vorn Kopp bekamen. Für all diese Probleme gab es nur eine Lösung: ein High-Tech-Bolzkäfig musste her.

Herr Vorbue-Blupenow machte flugs den Eigentümer des Geländes an der Weser ausfindig und vereinbarte mit ihm, dort einen bürgerstiftungseigenen Bolzkäfig für die Allgemeinheit zu errichten.

Doch wie so oft im Leben: Bei näherem Hinsehen offenbarten sich die Probleme. So gelangte es Herrn Vorbue-Blupenow zur Kenntnis, dass der Stadtteil Blumenthal offenbar eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Metalldiebe aus aller Herren Länder ausübte. Nächtlich frästen und flexten vermummte Bösewichte regelmäßig an Einfriedungen, Bahnschienen und überhaupt allem Metallischen, um die Ergebnisse ihrer Sammeltätigkeit dann weltweit zu versilbern. Diesem Treiben galt es selbstredend präventiv Einhalt zu gebieten. Wie? Klar, mit Videoüberwachung des Geländes. Diese verhinderte zwar nicht den Metalldiebstahl, aber immerhin man konnte so nachträglich die vermummte Arbeiterklasse bei der Arbeit bewundern.

VideoHinweis3

Freilich wusste Herr Vorbue-Blupenow qua Funktion in der Bürgerstiftung und dank erfolgreich erfolgter Datenschutzbelehrung (mit Auszeichnung, Sir!) um die Problematik der Rechtmäßigkeit von Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Zudem bestätigte ihm eine ominöse Alu-Hut-Organisation namens Datenschutzbehörde diese Problematik, verbunden mit der Empfehlung, keine Videoüberwachung zu installieren. Aus diesem Grund entschied er sich nicht für eine handelsübliche Lösung nach dem Stand der Technik, die eine Überwachung von jedem Ort zu jeder Zeit zulässt. Sondern er besorgte sich, wie er bis heute nicht müde wird zu betonen, Aufzeichnungstechnik – vermutlich aus dem vergangenen Jahrtausend –, mit der dies nicht möglich war. Gleichwohl sei die Kamera aber auf dem neusten technischen Stand und könne die Augenfarbe einer Eule auch nächtens erkennen, wusste er auf Nachfrage stolz zu berichten.

Und es tat sich noch ein weiteres Problem auf für Herrn Vorbue-Blupenow: Wie sollte er das rautenförmige Emblem eines Sponsors vor dem Vandalismus weit angereister Anhänger eines Konkurrenten mit ebenfalls rautenförmigem Emblem schützen? Die Lösung war naheliegend: Der Käfig wurde mit Schlössern versehen, um Unbefugten den Zutritt zu verwehren. Damit allerdings war der Käfig nun nicht mehr wie vereinbart öffentlich zugänglich. Da erinnerte sich Herr Vorbue-Blupenow an seinen Mitbewohner, Herrn Olpenow. Hatte dieser nicht mal behauptet, er sei Beamter auf Zeit in einer öffentlichen Dienststelle? Nach kurzer Rücksprache händigte Herr Vorbue-Blupenow den Schlüssel also seinem Mitbewohner Herrn Olpenow aus, verbunden mit der Bitte, den Schlüssel jedem Kind auszuhändigen, dessen Intelligenz so ausgeprägt war, dass es den Weg zur Dienststelle ohne Beschreibung gefunden hatte.

Nachdem nun der Käfig fertig gestellt und alle Hindernisse für die Inbetriebnahme erfolgreich beseitigt waren, gab es eine schöne Eröffnungszeremonie, in deren Verlauf Herr Vorbue-Blupenow den anwesenden Journalisten voller Stolz unter anderem auch die Errungenschaft einer Videoüberwachung vorstellte. Vielleicht hätte er das besser nicht getan, denn schon wenig später erschien ein Hinweis auf die Videoüberwachung in einem Presseerzeugnis.

Dieser Hinweis nun rief die Verschwörungstheoretiker einer Bürgerrechtssplittergruppierung namens Piratenpartei auf den Plan. Anlasslose Videoüberwachung des öffentlichen Raumes durch eine Privatperson? Ein absolutes No-Go für diese Menschen. Und so nutzte der Pirat Volker Menge die Möglichkeit, den Sachverhalt zwei Tage später durch Bürgeranfragen an den Beirat Blumenthal klären zu lassen. Flugs hatte der freche Freibeuter einen kleinen, einfachen Fragenkatalog zusammengestellt, der sich während der öffentlichen Sitzung des Beirats von den Mitgliedern ohne große Debatte beantworten ließ. Time is money.

Doch auch dieses drohende Ungemach wusste Herr Vorbue-Blupenow geschickt zu umgehen. Denn glücklicherweise gehörte es zu den Aufgaben eben seines Mitbewohners Herrn Olpenow, die Beiratssitzungen zu leiten. Und diese Aufgaben beinhalteten auch die Abarbeitung der Tagesordnungspunkte. Schon in der Vergangenheit war den bei Sitzungen anwesenden Bürgern aufgefallen, dass er dabei wenig flexibel auf tagesaktuelle Anträge reagierte und gern auf die 8-Tage-Vorher-Einreichungsregel zur Beantwortung von Bürgeranfragen beharrte. Nun hatte besagter Pirat seine Fragen ja an den Beirat gestellt, und da Herr Olpenow keinen Zusammenhang mit seiner Person sah – schließlich betrafen die Fragen ja Herrn Vorbue-Blupenow und bestenfalls noch ein paar Beiratsmitglieder, die ebenfalls im Vorstand der Bürgerstiftung saßen –, sah er sich natürlich nicht als befangen an, leitete die Sitzung weiter und sah keinen Grund, die Leitung an seinen anwesenden Stellvertreter zu übergeben. Im weiteren Verlauf der Sitzung wies er jedes Ansinnen von Beiratsmitgliedern, das Thema zu behandeln, mit Verweis auf die 8-Tage-Regel zurück. Von den Piraten wurde übrigens später fälschlicherweise der Eindruck erweckt, Herr Olpenow hätte sich während der Sitzung mit einem anwesenden Polizeibeamten über den Fragenkatalog unterhalten. In Wirklichkeit hatten die beiden selbstredend nur übers Wetter gesprochen.

Sie stimmen mir sicher zu: Diese ganze Geschichte kann niemals wahr sein. Schon allein die Behauptung, dass sich zwei Personen in einer Wohnung ein und denselben Ohrstecker teilen, ist pure Verschwörungstheorie oder bestenfalls Science-Fiction.

Alles was später an Berichterstattung in den Medien folgte, legt allerdings den Eindruck nahe, dass zumindest manche Journalisten die Geschichte doch irgendwie für wahr halten. Seltsam.

Wie dem auch sei. Meiner Tradition bei Beiträgen an dieser Stelle folgend, möchte ich auch diesen mit einem pragmatischen Lösungsansatz für das ganze Problem schließen:
Videoüberwachung abbauen. Statt einer jährlichen Geldspende vom Betreiber des Kraftwerks Farge, der Gaz de France Suez, in Höhe von 25.000 Euronen an die Bürgerstiftung erhält diese eine „Sachspende Objektschutz“ für das Areal. Das hätte den zusätzlichen Nutzen, dass auch die kleinen Kinder zum Zuge kommen, da die Anlage ja zu jeder Zeit unter Betreuung offen steht, wie es sich für eine öffentlich zugängliche Anlage gehört. Sprechen Sie einfach mit Ihrem edlen Spender, liebe Bürgerstiftung. Für den sind das nämlich nix anderes als Sachkosten, da er seinen Objektschutz als Werkvertrag an einen Dienstleister vergeben hat. Und wer weiß: Vielleicht ist der GdF Suez die Erweiterung der imagefördernden Aussage „sind wir Partner der Bürgerstiftung Blumenthal“ um die Aussage „wir unterstützen aktiv die sportliche Freizeitgestaltung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen“ den Aufwand sogar zusätzlich zu der Geldspende wert. Allein, um nicht die Frage aufkommen zu lassen, warum das Kraftwerk nach Fertigstellung des 380-kV-Umspannwerkes plötzlich wieder auf Volllast läuft. Die Antwort kennen wir alle eh schon. Aber das ist eine andere Geschichte mit Verschwörungstheorie-Potential.

ICH HAB WAS GEGEN FILZ! UND IHR?

Wahlplakat der Piraten


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